Von Vätern und Töchtern (Bullet Witch & Nier)

Der folgende Text beschreibt die Geschichte von Bullet Witch sowie den Anfang von Nier, beides Videospiele vom japanischen Entwickler cavia. Mit anderen Worten: Achtung Spoiler!

Betrachtet man die Wertungen, sind es eher mäßige Xbox-360-Spiele: Bullet Witch wurde 2007 von GamePro mit 41% abgestraft, die damals noch als MAN!AC bekannte M! Games gab 66% (Metascore: 55). Drei Jahre später erhielt Nier von GP 64%, M! Games zückte gute 82% (Metascore: 67). Eine Steigerung ist erkennbar, ebenso die ungefähr gleiche Punktedifferenz zwischen M! und GP. Nachdem ich Bullet Witch anderthalbmal durchgespielt und bisher zwei Stunden in Nier investiert habe, würde ich mich der M! anschließen - trotz unbestreitbarer Mängel in den Spielen.

Bullet Witch

... ist ein kruder Third-Person-Shooter mit einer Grafik, die offenbar noch auf der PS2 begonnen wurde, einem abwechslungsarmen Spielverlauf und einfallslosen Leveldesign inklusive unsichtbarer Mauern sowie einer unpräzisen Steuerung. Der Kampf mit Waffen und Magie gegen Dämonenhorden hat aber einen trashigen Charme, was auch an der Geschichte liegt:
«Das Jahr 2013: Die Menschheit steht kurz vor dem Aussterben. Naturkatastrophen, Hungersnöte, Kriege, Seuchen und das plötzliche Erscheinen der Armee des Bösen - eine anhaltende Serie von Ereignissen, ausgelöst durch das Wiedererwachen von Dämonen in der moderne Welt, hat die Weltbevölkerung auf weniger als eine Milliarde Menschen schrumpfen lassen. Doch gerade, als die wenigen Überlebenden das Ende der Zivilisation akzeptiert haben, erscheint eine schöne Frau, gekleidet in Schwarz und ausgestattet mit den magischen Kräften einer Hexe sowie einer mächtigen Waffe, geformt wie ein Besen.» (Spielanleitung, S. 7)
Dieser unfreiwillig (?) komische Text aus der Anleitung geht noch ähnlich erheiternd weiter und beschreibt die Protagonistin Alicia, die ohne Erklärung zu Spielbeginn im Vorort einer Großstadt an der US-Ostküste auftaucht und anwesende Dämonen hinwegfegt. Immer wieder zu Wort meldet sich eine Stimme in ihrem Geist, eine dämonische Entität, die der Hexe ihre Macht zu geben scheint. Warum, wieso, woher - all das wird im Spiel nicht erzählt werden. Selbst der Name, Darkness, steht nur im Handbuch des Spiels. Alicia selbst, gewandet in ein realitätsfernes Spitzenkleid (typisch japanisch kann man sich alternative Outfits herunterladen), könnte Bayonettas jüngere Schwester sein: Beides Hexen in sexy Schwarz, aber Bayonetta bekämpft Himmelsgeschöpfe, Alicia Dämonen, Bayonetta ist verunsichernd extrovertiert, während Alicia in sich gekehrt zu keinen Gefühlen fähig scheint - was auch an den begrenzten Gesichtsanimationen ihres ansehnlichen Charaktermodells liegen könnte. Die Rettung der Menschen wirkt bei Alicia zudem nur wie ein günstiger Nebeneffekt ihrer Dämonenjagd.

Die Geschichte entblättert sich wie folgt: In einem gefundenen Tagebuch schreibt ein Archäologe von seiner Tochter, die 2006 bei einem Flugzeugunglück umkam. Er wollte sich damit nicht abfinden, fand ein Jahr später einen unheiligen Abgrund und vollzog ein Ritual, um seine Tochter ins Leben zurückzuholen. Daraufhin öffnete sich dort das Tor zur Hölle oder Dimension der Dämonen ("Herkunft und Grund ihrer Existenz sind ebenso unergründlich wie die des Universums"; Spielanleitung, S. 8). Als Alicia sich schließlich dahin durchgekämpft hat, findet sie den Ärchaologen, der aufgespießt seit Jahren über dem Höllenschlund vegetiert - ihren Vater! In ihrer stärksten/einzigen Gefühlsregung erklärt sie ihm ihre Liebe und tötet ihn, um so das Tor zu versiegeln. Wo Alicia all die Jahre war, wann sie genau ins Leben zurückkehrte und vor allem warum sie magisch-dämonische Kräfte besitzt und damit die Welt von den Kreaturen befreit, die sie erst wiederbelebten, bleibt offen. (Man könnte vermuten, dass der Rabe zum Ende des Intros wie in The Crow funktioniert, Alicia damit zum Spielstart am 13.10.2013 von den Toten zurückkehrt, aber ihr Umgang mit Darkness offenbart eine längere gemeinsame Zeit der beiden.)

Nier

Das Kernteam von Nier laut Vorspann hatte mit Bullet Witch nichts zu tun, einzig der Lead Programmer Takeshi Katayama wird bei Bullet Witch als Visual Effect Programmer geführt (was nicht unbedingt positiv stimmt :-). Die meisten Leute entstammen dem Drakengard-Team und dem jetzigen Publisher Square Enix, z.B. Produzent Yosuke Saito und Director Yoko Taro - ein Grund für den Qualitätssprung gegenüber Bullet Witch? Saito führt in M! Games 6/2010 noch das nun größere Budget an.

Die Spiele beginnen strukturell gleich: Ein Ladehinweis - bei Nier jetzt rechts statt links unten -, dann drei Firmenlogos und schließlich ein Spieletrailer. Ein Trailer zu Bullet Witch in Bullet Witch und zu Nier in Nier! Etwa schwachsinnigeres habe ich selten gesehen, denn diese Trailer nehmen eine Menge vorweg. Bei Bullet Witch, das wie oben erwähnt nicht gerade abwechslungsreich ist, wird quasi jeder Höhepunkt gezeigt. Nier als Action-Adventure, das außergewöhnlich viele Spielelemente in sich vereinen soll, wird auf dieselbe Art vieler seiner Überraschungen beraubt (weswegen ich den Film auch abbrach); der Trailer beginnt übrigens mit einem brillianten akustischen Wutausbruch eines unbekannten Jungen. Schließlich muss man "Start" drücken, um ins Hauptmenü zu gelangen. Ächz! Immerhin zwingt einen Nier nicht wie noch die Patronenhexe jedes Mal das Speichergerät auszuwählen; Lade- und Speicherdialoge sind aber weiterhin umständlich.
«22. Dezember

Es hört nicht auf zu schneien, daher meinte Papa, er würde bei mir bleiben, bis es nachlässt. Er wird wohl wieder fortgehen, wenn es soweit ist, daher hoffe ich irgendwie, dass es für immer weiterschneit.» (Zwischentext im Prolog)
Nier spielt im Sommer des Jahres 2049. Man sieht eine in Trümmern liegende, wie in Bullet Witch namenlose Großstadt - die unter einer dicken Schneedecke liegt! Ein grauhaariger Vater und seine augenscheinlich kranke Tochter Yonah haben in einer Ruine Unterschlupf gesucht. Ein merkwürdiges Buch bietet dem Vater seine Macht an im Tausch gegen dessen Seele. Er tritt es verächtlich fort. Plötzlich greifen merkwürdige Schattenwesen an, der Vater versucht sie mit einem Eisenrohr zurückzuschlagen, erfolglos. Also nimmt er die Hilfe des Buches in Anspruch und verfügt fortan über zerstörerische Magie. Er vernichtet die düsteren Schemen und schaut wieder nach seiner Tochter. Sie hat in der Zwischenzeit etwas zu essen gefunden, ihre Lieblingskekse. Sie teilt einen Keks und bietet ihrem Vater die größere Hälfte, weil er doch größer sei und mehr essen müsse. Da bekommt sie wieder einen Hustenanfall und fremdartige Runen zeigen sich auf ihrer Haut. Der Vater erkennt, dass seine Tochter wohl einen Handel abgeschlossen hat - denn auch sie besitzt ein Zauberbuch, den Umgang damit hatte ihr Vater aber verboten. Doch der Hunger war zu stark... Der Mann ruft um Hilfe, doch die Stadt scheint tot. Schwarzer Bildschirm - und "1.312 Jahre später"!? Die beiden sind in einem mittelalterlichen Haus, die Tochter krank, der Vater auf dem Weg zur Arbeit. "Ich liebe dich", sagt sie noch, als er ihr Zimmer verlässt. Bester Spielbeginn ever?

Die Verwirrung und Neugier auf Seiten des Spielers ist enorm: Die spielbare Einleitung, die à la Metroid Prime alle (?) Zauber vorstellt ("Dunkle Exekution" ähnelt Bullet Witchs "Rosenspeer"), macht ratlos und auf einmal befindet man sich über tausend Jahre in der Zukunft, unsere Zivilisation ist untergegangen und die Überlebenden werden von denselben Schattenkreaturen bedrängt wie damals in der verschneiten Metropole. Der Vater und seine Tochter haben all die Zeit offenbar überlebt, wohnen wohl erst seit kurzer Zeit in dem Dorf ohne Namen. Hinweise ob sie sich erinnern und woher sie kommen, was überhaupt der Welt zugestoßen ist - Fehlanzeige! Yonah hat immer noch oder wieder oder erstmals die sogenannte Runenpest ("Black Scrawl"). Seit einem Monat, meint der Vater später, nachdem er seine Tochter aus einem alten Schrein gerettet hat und dort auf ein (oder das?) Zauberbuch namens Grimoire Weiss stieß.

Parallelen und Differenzen

Sowohl Bullet Witch als auch Nier fangen mit Lücken an, bieten aber als Orientierung klare Rahmenbedingungen: Alicia muss/kann schlicht Dämonen töten, der Vater Jobs für die Dörfler annehmen, um sein Lebensunterhalt und Medizin für Yonah zu verdienen. Bei Bullet Witch ist die Herkunft der Dämonen und vor allem die Identität der Protagonistin unklar. Nier legt hier noch zu: Fremdartige Feinde, zwei unbekannte Protagonisten, zwei irritierende Zeitebenen. Die übernatürliche Bedrohung der an unsere angelehnte Welt wird im Gegensatz zu Bullet Witch nicht einmal mit einer Historie der Ereignisse untermauert, sie ist einfach da: Es gibt in Nier kein klassisches Intro. Bei Bullet Witch sah man zu Spielbeginn drei Filmszenen, zuerst stürzte sich jemand aus der Ich-Perspektive in einen mit Zacken bestückten Abgrund, dann wurde die Geschichte des menschlichen Niedergangs mit TV-Bildern illustriert und schließlich jagten dämonische Kreaturen einige Überlebende. In der Nier-Spielanleitung werden einige Charaktere beschrieben (Spoiler...), die einseitige Backstory ist vage, auch wenn der Spielverlauf grob skizziert wird (Spoiler...). Die unmittelbare Motivation in Nier steht außer Frage: Der Vater will seine Tochter beschützen und heilen, warum Alicia unbedingt die Dämonen bekämpft, ist zu Beginn unklar - wenn man diese Behauptung aus dem Trailer ignoriert: "A witch whose human soul is no more. The only meaning left for her is to... fight." (Warum?)

In Nier ist die Welt und Zivilisation bereits untergegangen und nach über tausend Jahren eine neue entstanden, während bei Bullet Witch die Menschheit kurz vor der Vernichtung steht. Dank Alicia wird das Ende jedoch abgewendet werden. Schuss ins Blaue: Spielen beiden Spiele im selben Universum?

Die Hauptgegner in Bullet Witch sind von Dämonen erschaffene Monster, die zwar wie Zombies oder Ghule aussehen, aber "Geister" heißen (auch im Englischen!). In Nier kämpft man gegen fremdartige "Schatten" ("Shades"), die nur außerhalb von direktem Sonnenlicht zu existieren scheinen. Sie sind stumme Nahkämpfer, während die Geister menschliche Waffen nutzen und zudem zynisch quasseln.

Die magischen Kräfte der Protagonisten stammen von fragwürdigen übernatürlichen Gefährten: Grimoire Weiss, ausgehend vom allerersten Auftreten eines Zauberbuches im Spiel nicht uneigennützig, und Darkness, ein dämonisches Wesen. Beide sind hochnäsig, herablassend und undurchsichtig. Die bereits erwähnte Schimpftirade des Jungen zu Beginn des Trailers richtet sich übrigens an Weiss, und als man Yonah im alten Schrein findet, schützt Weiss die Tochter mit einem Kraftfeld vor den Schatten - vielleicht hält er sie aber auch gefangen. Später behauptet Weiss, er würde Yonah heilen, wenn es in seiner Macht stünde.

Und beide Spiele sind ziemlich hässlich :-), besonders bei Bullet Witch sind sowohl Technik als auch Design gleichermaßen durchwachsen. Nier hat bis jetzt recht stimmungsvolle Örtlichkeiten, aber genauso viele unsichtbare Wände und übergrelle Lichteffekte.

Sins of the Father
«In "Nier" gibt es zwar viel Blut, Magie und böse Monster, dennoch erzählen wir eine Geschichte von familiärer Liebe.» (Yosuke Saito in M! Games 6/2010, S. 61)
In Bullet Witch schickt der Vater aus verzweifelter Liebe zu seiner toten Tochter die gesamte Welt zur Hölle, opfert sich auch selbst - er ist es, der sich im Intro in den Abgrund stürzt. Ob er abschätzen kann, wie Alicia ins Leben zurückkehren wird, oder ob es ihn interessiert, in welcher Welt sie dann leben muss, bleibt unklar (sofern er vorher genau weiß, was durch sein Opfer alles passieren wird). Die Aufgabe ihres zweiten Lebens - also das eigentliche Spiel - beruht auf der Sünde des Vaters, die sie ungeschehen macht. Dazu muss und wird sie ihn töten. Zumindest bis dahin kann man kein Schuldbewusstsein - für ihr Leben starben Milliarden - als Motivation ihres Handelns annehmen, da sie ihre wahre Vergangenheit und Identität nicht zu kennen scheint.

In Nier steuert der Spieler nun den liebenden und sorgenden Vater, die Tochter ist nicht tot, aber davon bedroht. Unklar bleibt, wie weit der Vater gehen würde, um Yonah zu retten. Im Prolog hat er offenbar seine Seele für Zauberkraft gegeben - wer weiß, ob er nicht wie Alicias Vater die ganze Welt für das Leben seiner Tochter eintauschen würde oder dies vielleicht schon getan hat...
«He will save his daughter. No matter what the cost.» (Englische Spielanleitung, S. 4)
PS: Es wäre sicher sinniger gewesen, die Analyse nach den Durchspielen von Nier anzugehen, aber ich war von den Parallelen und dem Spielbeginn Niers zu geflasht :-). Ich werde also noch einmal zum Thema zurückkehren.

Bullet Witch (360)
Atari/cavia 2006/07 | MobyGames | OGDB
Director: Yoichi Take
Producer: Tohru Takahashi


Nier (360/PS3)
Square Enix/cavia 2010 | MobyGames | OGDB
Director: Yoko Taro
Producer: Yosuke Saito


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