It's a Bulletstorm, Bitches! [Update]

Ich weiß gar nicht, warum mich die Xbox-Live-Demo von Bulletstorm, die nach wenigen Stunden wieder entfernt wurde, weil sie ungekürzt war, nicht besonders überzeugt hatte. Ich dachte wohl, dass dieses "Kill with Skill"-Gemetzel ein ganzes Spiel unmöglich tragen könne. Aber es funktioniert bestens! Statische Schießbudenballereien der Marke Call of Duty scheinen am Ende ihrer Möglichkeiten, es wird dahingehend interessant, was Modern Warfare 3 auffahren wird. Eine nochmalige Steigerung der starr gescripteten Nonstop-Action erscheint kaum möglich, weswegen einige Shooter in den letzten Monaten sich eines zentralen Schwachpunkts von CoD & Co. annahmen: Der Spieldynamik. Brink, Crysis 2, Section 8: Prejudice und eben auch Bulletstorm gestalten Schusswechsel und Bewegung schneller, einfacher und vielfältiger. Während bei Black Ops das Überwinden von Hindernissen unzuverlässig und der neu eingeführte Hechtsprung bemitleidenswert sind, sprintet, rutscht, klettert oder fliegt man bei den anderen genannten Titeln in neuer Leichtigkeit durch die Levels.

Bei Bulletstorm kann man überall abnorm weit auf dem Boden rutschen und dadurch Gegner von den Beinen fegen. Oder man zieht sie mit der Laserpeitsche zu sich heran und befördert sie dann mit einem Tritt meterweit durch die Luft. Endlich sind Kämpfe wieder spannend, da man eben nicht wie bei CoD nach einer bombastischen Scriptsequenz nur in Deckung hockt, mal eine Granate wirft und ansonsten hofft, die Gegnerhorden irgendwie abzuschießen. Hier rutscht man mitten in die Feinde, tritt um sich, wechselt taktisch zwischen maximal drei Waffen, benutzt die erwähnte Peitsche, sprintet zwischendurch hinter ein Hindernis, um sich zu erholen, und kommt dann mit überladener Waffe wieder hervor, um einen besonders mächtigen Schuss abzufeuern. Und die Umgebung mit all den Stacheln, Explosivfässern, Giftsporen, Elektrokabeln, Abgründen und Monsterpflanzen tut ihr übriges. Natürlich ist es nicht realistisch, dass ein Gegner nach Peitscheneinsatz stark verlangsamt durch die Luft fliegt, während das Spiel normal weiterläuft, aber so kann man eben recht komfortabel "Umweltkills" ausführen - wenn die Richtung grob stimmt, landen all die Irren und Mutanten schön aufgespießt auf den Kakteen. All diese Skillshots genannten Aktionen werden konstant mit Punkten belohnt, mit denen man an regelmäßig vorhandenen Versorgungskapseln seine Waffen aufrüsten und -munitioneren kann. Wenn man halbwegs darauf achtet, die einfachen Skillshots zu benutzen - normaler Beschuss juckt die Gegner recht wenig -, wird man niemals Munitionsmangel haben und seine Ausrüstung sofort upgraden können. Alles schön unkompliziert, auch wenn man ruhig hätte vier Waffen tragen können, denn die späteren schweren Waffen fand ich recht eingeschränkt nutzbar und schleppte sie deshalb nie mit.

Es offenbart sich der Irrweg der CoD'schen Schlauchshooter: Ich brauche keine zwanzig Waffen, die auch mit Aufsätzen fast alle gleich sind, und keine konstanten Explosionen und gescripteten Szenen. Bulletstorm hat letztere auch, aber sie passen viel eleganter in den Spielfluss. Die Level sind ähnlich linear und jeder nötige Aktion zum Weiterkommen wird tatsächlich immer eingeblendet (zumindest auf dem normalen Schwierigkeitsgrad), aber die Action ist dynamisch und fühlt sich beherrschbar an. Wirklich gut ist die KI bei Bulletstorm sicher auch nicht, aber es sind eben Verrückte, die einem brachial zusetzen. Die Spannung entsteht aus dem Kampf gegen eine Überzahl, während man gleichzeitig versucht, seine Waffen und die Umgebung kreativ zu nutzen (wenn man also das Spiel auf "herkömmlichem" Weg spielt, dürfte es viel von seiner Faszination verlieren).

Auch visuell entfernt sich Bulletstorm vom graubraunen, pseudorealistischen Einheitslook: Handlungsort ist ein vor die Hunde gegangener Urlaubsplanet, der in leuchtenden Farben gezeichnet wird. Oft präsentiert das Spiel weitläufige Panoramen, die natürlich kaum begehbar sind. Zwar kämpft man auch in Höhlen und vor allem zerstörten Städten, letztere sind aber nicht nach realistischen Gesichtspunkten gestaltet, sondern dürften Roland Emmerichs Träumen entsprechen. Abseits des gelungenen Designs gibt sich Bulletstorm auch technisch kaum eine Blöße, manch dekorative Objekte (und wenn's Leichen sind) sind zwar gerne mal detailärmer, dafür bleibt das Spiel auch bei vielen Gegnern flüssig und die Texturen gefallen. Achtung: alle Eindrücke via SDTV ;-). Ich hatte aber eine Handvoll Situationen, in denen Trigger nicht auslösten oder ich an Polygonkanten festhing. Dann musste ich via Startmenü den letzten der zahlreich verteilten Checkpunkte laden.

Unbesprochen blieb bisher der Gewaltgrad: Bulletstorm ist brutal. Körper werden zerteilt, Blut spritzt allgegenwärtig und die zentrale Spielmechanik ermuntert den Spieler, seine Gegner auf möglichst spektakuläre Weise zu töten. Die Feinde sind zwar augenscheinlich ehemalige Verbrecher und Wahnsinnige, die nun mutiert sind, aber dies wird zum Ende hin relativiert und rechtfertigt das Gemetzel nur bedingt. Die Hauptfiguren geben schwarzhumorige bis zynische Sprüche ab, im Finale wird - Spoiler - das gesamte Leben des Planeten vernichtet und der letzte Satz im Spiel ist "Gott ist tot". Diese Maßlosigkeit passt jedoch zur absoluten Überzeichnung Bulletstorms. Die Farbgebung des Spiels, das Aussehen der Gegner und die völlig überzogene Gewalt lassen es schwerlich zu, dieses Spiel mit der Realität in Einklang zu bringen. Nach einem Kampf sehen die Schlachtfelder aus, als ob eimerweise Neonfarbe ausgeschüttet worden wäre. Die fundamentalen Kürzungen in der deutschen Versionen sind daher unverständlich, bisweilen kontraproduktiv. Natürlich gehört dieses Spiel in keine Kinderhände, aber US-patriotische Gehirnwäsche à la Call of Duty finde ich bedenklicher. Und vielleicht ist es in der Hektik der Schießereien auch untergegangen, aber zelebriert wird das Splattern meiner Meinung nach auch nicht: Ja, es fliegen Arme, Beine und Köpfe herum, aber eine detaillierte Ausweidung von Gegner oder ähnlich Grenzwertiges passiert nicht.

Aufgrund des Spielprinzips mit Peitsche und teilweiser Zeitlupe bietet das Spiel nur kooperative Mehrspielermodi, die ich dank fehlendem Onlinepass aber nicht ausprobieren konnte. Update: Auch ohne Pass kann man den einzigen Modus namens "Anarchie" (Horde-like) spielen, der aber etwas unübersichtlich und langwierig ist; es fehlen einem dann hauptsächlich kosmetische Charaktermodifikationen. Der Fokus liegt also auf der Kampagne und dem "Echos"-Modus, bei dem bestimmte Abschnitte des Spiels mit möglichst hoher Punktezahl abgeschlossen werden müssen. Ist das eigentlich in der deutschen Version drin? Damals bei Resident Evil 4 musste ein vergleichbarer Modus noch rausfliegen. Die Kampagne ist nichts besonderes, bietet aber abwechslungsreiche Schauplätze, die ganz gut verbergen, dass sie nur Spielwiese fürs Skillshot-System sind. Zum Ende verliert Bulletstorm etwas an Fahrt, dafür werden die Abschnitte aber auch kürzer. Langweilig wurde es mir nie, obwohl ich es zügig in zwei, drei Tagen durchgespielt habe. Es dürfte damit etwas länger als die letzten Call of Duty -Teile sein.

Etwas irritierend ist es, in der comicartigen Welt die Handvoll "normalen" Hauptfiguren zu sehen, die eine vorgeblich ernste Geschichte erleben. Da merkt man schon einen Bruch zum Spielsystem, besonders wenn tatsächlich erkärt wird, warum es Punkte für das abwechslungsreiche Töten von Gegnern gibt. Die Protagonisten sind per se gelungen: der etwas zu coole Held als Wolverine-Verschnitt, der mit einer KI um die Herrschaft über seinen Körper streitende Cyborg, die taff-süße Kämpferin und der durchgedrehte General. Ich fand die deutsche Synchronisation überwiegend sehr gelungen, weil die Sprecher passend und motiviert sind und das fortwährende Gefluche witzig und einfallsreich ist. Nur der General hat ein unpassendes weil zu junges Organ und benutzt dann doch zu oft "Wichser"; der Begriff "Dicktits" aus dem Original wurde meines Wissens fallengelassen. Leider passen manchmal visuelle und auditive Ebene in Zwischensequenzen nicht so ganz zusammen, da wohl das Timing im englischen Originaltext ein wenig anders ist. Die Mimik der Protagonisten ist eher starr, in Zwischensequenzen wird auf die absurde Gewalt interessanterweise eher verzichtet.

In der ungeschnittenen deutschsprachigen Version ist Bulletstorm eine klare Empfehlung für FPS-Fans; zum Budgetpreis kann man es sich ruhig zulegen oder eben wie ich ausleihen. Eine positive Überraschung!

PS: Man erkennt deutlich den Einfluss von Epic/Gears of War auf das Spiel (es gibt aber keine Deckungsmechanik).

Bulletstorm (Xbox 360)
Electronic Arts/Epic Games/People Can Fly 2011 | MobyGames | OGDb
Director: Adrian Chmielarz
Producer: Piotr Krzywonosiuk u.a.

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