The Walking Dead (Staffel 3)



Zur Erklärung des großen Erfolgs der TV-Serie The Walking Dead taugte deren tatsächliche Qualität bisher nur bedingt: Zu durchwachsen waren die ersten beiden Staffeln, wie hier ausgeführt wurde. Die dritte Staffel, mit 16 Episoden die längste, geht einige der inhaltlichen Probleme an (Spoiler): Ein Gefängnis samt Insassen als neuer Aufenthaltsort der Protagonistengruppe um Sheriff Rick Grimes und mit der Stadt Woodbury des Governors Phillip Blake eine starke andere Gemeinschaft. Das bringt eine Menge neuer Figuren - und ein aufgeblasenes Ensemble war stets das Problem der Serie. Dieses war zuletzt zwar stark gesundgeschrumpft worden, bloß Sympathieträger blieben dabei kaum übrig. Die nun neuen Charaktere in ungewohnten Machtverhältnissen waren interessant, aber schon bald wussten die Autoren wohl nicht weiter und entsorgten viele vorschnell. Bezeichnend ist dafür die Präsenz von Schwarzen in Ricks Kerngruppe:

Michonne trat im Cliffhanger der letzten Staffel auf, als vermummter Samurai mit angeketteten Zombies. Sie landet zunächst mit Andrea in Woodbury und wird dort von den Serienschreibern für einige Zeit zum grimmigen Nichtstun und nervigen Dauerschweigen verdammt, bis sie endlich an Bedeutung gewinnt. Und "T-Dog" war in Staffel 2 unwürdig überflüssig, darf im Gefängnis einen Heldentod sterben und wird quasi durch einen der Insassen ersetzt. Bevor der Zuschauer etwas über jenen erfährt, wird der nebensächlich erschossen und ein Tyreese landet mit seinen eigenen Überlebenden im Knast. Er fliegt alsbald wieder hinaus, um später in Woodbury eine neue Heimat zu finden, dort jedoch bis zum Staffelende keine Rolle zu spielen. Seine Begleiter als auch die Häftlinge sind überschaubare, interessante Gruppen und erleiden doch fast komplett einen schnellen Tod. Stattdessen setzt die Serie auf die zahlreichen Bewohner Woodburys. Diese bleiben in ihrer Masse unbekannt, dafür gibt es immerhin mit dem Governor und seinen engsten Vertrauten - inklusive Daryls in Staffel 1 verlorenem Bruder Merle - starke Gegenspieler für Rick und Co.

Diese ebenbürtigen, rücksichtlosen und zunehmend gemeingefährlichen Widersacher machen die dritte Staffel zur bisher stärksten. Weitere Gründe sind ein besonders anfangs hohes Tempo, mehr Action denn je, Publikumsliebling Daryl und - man muss es so hart sagen - der Tod von Ricks Frau Lori. Diese war zusammen mit Andrea auf der Farm eine anstachelnde Schreckschraube und stirbt nun einen bemerkenswerten Tod bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Sohn Carl muss sie erschießen, was den Jungen weiter verhärtet, und Rick beginnt über ihren Verlust in aufgesetzter Weise zu halluzinieren. Für jeden guten Einfall wartet The Walking Dead mit einem schlechten auf.

Trotzdem: Das dynamische Verhältnis der Parteien zwischeneinander und intern trägt die Staffel über handlungsärmere Folgen. Der Governor entpuppt sich nach und nach als Wahnsinniger, dem seine eigene Rache schlussendlich so wichtig wird, dass er seine aufbegehrenden Schutzbefohlenen niederschießt. Überhaupt steht Anführerschaft im Fokus: Sowohl der Governor als auch Rick sind eingangs Alleinherrscher, damit gleichzeitig alleine verantwortlich. Wie transparent kann man Gruppen leiten, zu welchen Taten ist man bereit für deren Wohl? Und handelt man überhaupt noch für die Gemeinschaft oder primär für sich selbst? Der charismatische Governor zerbricht daran auf schreckliche Weise, überlebt aber. Und Rick besinnt sich in entscheidenden Momenten und gibt schließlich seine in der zweiten Staffel erworbene "Ricktatur" auf.

Von den bedeutsamen Figuren sterben noch Merle - bei überraschend selbstloser Tat - und Andrea. Wie schon Lori waren diese kaum Sympathieträger, insofern ist ihr Abtreten überschaubar mitnehmend (aber jeweils hervorragend inszeniert). Andrea wird gar zur tragischen Figur, weil sie schmerzhaft versucht, den Konflikt zwischen Stadt und Gefängnis zu entschärfen. Doch die führenden Männer haben daran nur begrenzt Interesse. Und als dann unter hohem Blutzoll die Schlacht geschlagen ist und Andrea ihre letzten Atemzüge nach einem Zombiebiss macht, meint sie nur resigniert: "I just didn't want anyone to die."

Die Erkenntnis daraus ist ernüchternd und untergräbt das nominell erbauliche Ende (Ricks Gruppe bleibt beinahe unversehrt, abgesehen von Loris Tod, und nimmt die letzten Bewohner Woodburys im Gefängnis auf): In der untoten Welt ist die Friedfertigkeit längst gestorben oder bringt den Tod, ein Überleben ist ohne Missetaten oder Opfer nicht möglich. Und Ricks Sohn Carl, der mittlerweile auch Menschen ohne zu zögern erschießt, rechnet seinem Vater eiskalt vor, was alles verhindert worden wäre, wenn man schneller und früher tödliche Gewalt gegen Bedrohungen wie den Governor eingesetzt hätte.

"Fight the Dead. Fear the Living."

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