Mittwoch, 17. August 2011

Krieg der Dämonen (Kinderfilm?)

Takashi Miike hat innerhalb von 20 Jahren bei über 80 Filmen Regie geführt und sich dabei munter durch alle Genres gewühlt. Hierzulande wurde er durch extremere Werke um die Jahrtausendwende wie Dead or Alive (nein, nicht die Videospieladaption) oder Audition bekannt; letzterer ist einer der verstörendsten Filme, den ich je im Fernsehen sah. Und dieser Mann drehte 2005 einen Kinderfilm, welcher erst Anfang des Jahres seine Free-TV-Premiere feierte.

Wobei: Ein Kinderfilm, der bei uns ab 16 Jahren freigegeben ist? Protagonist Tadashi ist die einzig relevante Kinderrolle und steht zu Beginn des Films nicht gut da: Er albträumt von der Zerstörung Tokios, seine Eltern sind seit einem halben Jahr geschieden, er zog von der Stadt aufs Land und lebt nun bei seiner Mutter und dem dementen Großvater. Seine Schwester und seinen Vater sieht er kaum, die Mitschüler hänseln ihn. Japanische Filme machen ungern halbe Sachen.

Wie passend, dass er zum "Ritter des Kirin" gemacht wird. Der soll die Menschheit beschützen, was an sich eher symbolisch zu verstehen wäre, wenn der dämonische Lord Kato - schicke Pentagramme auf dem Kragen seines SS-artiges Anzugs - nicht einen mächtigen Rachegeist eingefangen hätte, um sich zu... rächen! An uns Menschen, also Obacht. Die Ankunft des Bösen wird auch kinderfreundlich vermittelt: Ein degeneriertes Kalb mit verschrumpeltem Menschenkopf klagt über einen schrecklichen Krieg und vergießt schwarze Tränen. Der Film läuft da gerade einmal drei Minuten. Und nach zwei weiteren gibt es die erste Panties- und Cleavage-Ansicht von Katos süßer Handlangerin Agi. Es wundert mich schon etwas, dass Krieg der Dämonen in den USA ein PG-13-Rating erhalten hat, denn später leckt die attraktive Geisterdamenwelt keck das Gesicht Tadashis oder hält ihn leicht bekleidet in ihren Armen, seine Hand auf ihrem nackten Oberschenkel. Knusper Knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?

Noch ist Tadashi aber ein zögerlicher Feigling, während Kato mehr oder weniger freundliche Geisterwesen einfangen und sie dann mit dem Schrott der Menschen zu Dämonenrobotern verschmelzen lässt. Und wenn sich die eingekerkerten Gespenster nicht benehmen, wird ihnen eben Säure in die Augen gespuckt oder der Arm abgeschlagen! Agi, white bitch on the loose. Tadashi hat derweil dann doch seinen Mut bewiesen, eine kleine Schar von übernatürlichen Unterstützern gefunden und ein magisches Schwert erhalten. Bis es zum Endkampf kommt, geschehen aber noch ein paar Irrungen und Wirrungen. Beispielsweise so kinderfreundliche Szenen wie diese: Tadashis knuffiges Geistertierchen wird von einem Roboter gewürgt, worauf es den Metallschurken anpinkelt. Ein Kurzschluss ist die Folge, was Agi nicht gutheißt und dem Fellknäuel sprichwörtlich die Schnauze poliert, bis diese blutet. Später schießt ein Polizist beim Angriff der Dämonen aus Versehen einem anderen Menschen in den Kopf.

Schließlich wird Kato - natürlich - aufgehalten, die Menschheit gerettet. Aber nicht ohne Verluste und wahrscheinlich nur vorübergehend. Der Zuschauer hat dann einige klare Botschaften zu Umweltschutz und Krieg an den Kopf geschmissen bekommen sowie ein "typisch asiatisches", nicht immer völlig nachvollziehbares Wechselbad der Gefühle erlebt: Von Grusel bis zu explizitem Horror, von Familienleben bis zu albernen Geistertreffen, von traurigen Momenten über dezente Erotik bis zu ausgelassener Erleichterung. Nebenbei dürfte sich mancher über die Inszenierung des Ganzen wundern: Die Geister und Dämonen stammen in stark schwankender Qualität aus dem Computer, werden aber auch von Schauspielern in handwerklich ebenso stark schwankenden Masken und Kostümen verkörpert - phantasievoll sind sie jedoch immer. Tricktechnisch liegen die 90er mit Power Rangers & Co. nicht weit weg. Dies ist sicher aber auch Teil des Charmes dieser zweistündigen Adoleszenzgeschichte, die streckenweise etwas träge erzählt wird und den Kinderfiguren schrecklicke Synchronsprecher verpasst. Trotzdem eine skurrile Seherfahrung, eine Art abgedrehtere und düstere Realfassung von Chihiros Reise ins Zauberland zuzüglich Artussage und anderer Fantasy-Zutaten. Anschauen!

Spoiler: Das Ende

Der angekündigte Endkampf findet übrigens gar nicht statt: Agi, die Kato aus tiefer Liebe folgt, wird von ihm getötet, denn "die Liebe, die du für mich empfindest [...], ist im Weg". Danach entzieht er sich der Entscheidungsschlacht, um selbst mithilfe des Rachegeistes irgendwie zu mutieren. Doch eine einzelne Erbse (!) gelangt zufällig in die Kammer und alles explodiert. Tokio ist tatsächlich verwüstet, Tadashi erwacht auf der Straße und erzählt einem Mann eine Lüge.
«Wenn man es für sich selbst tut, ist es eine rote Lüge. Aber wenn man für einen anderen lügt, ist es eine schneeweiße Lüge. Ich glaube, dass ist ein Zeichen dafür, dass man erwachsen wird.»
Wenn man erwachsen wird, verliert man auch die Gabe, Geister zu sehen (außer man betrinkt sich). Es folgt ein Zeitsprung, Tadashi ist ein junger Mann, sein Großvater mittlerweile verstorben. Während er das Haus verlässt, streunt sein Geistertierchen um ihn herum, doch er kann es trotz dessen herzerweichender Laute nicht mehr wahrnehmen. Tadashi fährt weg und als das Tier aufsieht, steht dort Kato...

Krieg der Dämonen - The Great Yokai War | Yôkai daisensô
J 2005 | IMDb | OFDb
Regie: Takashi Miike
Buch: Takashi Miike, Mitsuhiko Sawamura, Takehiko Itakura
Darsteller: Ryuunosuke Kamiki, Hiroyuki Miyasako, Chiaki Kuriyama, Masaomi Kondô, Sadao Abe, Mai Takahashi, Etsushi Toyokawa u.a.

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