Freitag, 23. März 2012

The Walking Dead

Zombies und Fernsehen - in blutrünstiger Tradition à la George A. Romero schien diese Kombination unmöglich, bis spätestens Spartacus die Grenzen der Gewaltdarstellung im TV neu auslotete. Abgesehen vom britischen Dead Set war die Comicadaption The Walking Dead Ende 2010 dann Vorreiter. Sie beruhte auf der gleichnamigen und viel gelobten Comicreihe, die seit 2003 erscheint und mir nicht bekannt ist (außer, dass sich die Fernsehserie wohl ziemlich von der Vorlage entfernt). Es folgen Spoiler.

Der Polizist Rick wacht nach einer Schussverletzung im Krankenhaus auf und hat die Zombie-Apokalypse verschlafen. In eindrucksvollen und auch drastischen Bildern wird das Ende der bekannten Welt gezeigt, obschon die Perspektive immer beschränkt bleibt: Was wie wo genau passierte, ist auch nach zwei Staffeln kaum bekannt. So kämpft sich die Hauptfigur durch verheerte Städte und Horden von Untoten auf der Suche nach seiner Familie. Recht zufällig findet er seine Frau Lori und seinen Sohn Carl in einer kleinen Gruppe von Überlebenden, ebenso seinen besten Freund und Kollegen Shane. Der hat jedoch mittlerweile ein Verhältnis mit Ricks Frau begonnen - Konfliktpotential. Doch in der ersten, nur sechs Folgen umfassenden Staffel wird dieses Potential selten genutzt. Für die wenigen Episoden besteht die Gruppe aus zu vielen Personen, der Zuschauer kann so kaum eine emotionale Beziehung zu den Charakteren aufbauen. Natürlich gibt es fortwährend Opfer, doch als quasi Unbekannte wirken deren Tode wenig dramatisch.

Zum Finale der ersten Staffel, die überwiegend im urbanen Raum spielte, scheinen Antworten in Reichweite. Die deprimierende Erkenntnis: Die Suche nach einem Heilmittel scheiterte bisher, selbst Wissenschaftler kapitulieren. So verlässt die ausgedünnte Gruppe das Sinnbild der Zivilisation, die Stadt, und findet sich alsbald auf einer abgeschiedenen Farm wieder (ein zivilisatorisches Western-Motiv). Hier wirft die Serie die Chance auf inhaltliche Besserung über Bord, denn zum einen ist das Farmland trotz naher Kleinstadt natürlich deutlich abwechslungsärmer als eine Metropolregion. Zum anderen wird die endlich überschaubare Truppe gleich wieder verstärkt durch die auf dem Bauernhof lebende Großfamilie.

The Walking Dead wird durch dieses Ungleichgewicht zwischen Figurenvielzahl und Erzählsträngen gelähmt, die Handlung kriecht dahin und tatsächlich wird die Farm bis zum Ende der 13teiligen zweiten Staffel der Schauplatz bleiben (wahrscheinlich aus Budgetgründen). Alte Charaktere wachsen nicht ans Herz, weil es zu viele neue gibt und die Serie außerdem ein Sympathieproblem hat: Ehefrau Lori zickt beispielsweise fortwährend herum und scheint wankelmütig bloß die Spannungen zwischen Rick und Shane anheizen zu sollen. Letzterer wird als entschlossener, aber auch kaltblütiger Macher zunehmend und einseitig zum Buhmann abgestempelt. Und der ältere Dale, in Staffel 1 wohl meine Lieblingsfigur (ein Fußlahmer in einer Zombiewelt - wie bezeichnend), entwickelt sich zu einem konstant vor dem ach so gefährlichen Shane warnenden Nervtöter.

Rick steht unter dem Einfluss der beiden, freudianisch ist er das Ich der Serie, während Dale das Über-Ich (Zivilisation) und Shane das Es (Überlebenskampf) verkörpert. Beide sterben zum Ende, als der Zuschauer schon längst die Geduld mit ihnen verloren hat, ergo keine emotionale Wirkung. Zumal mit dem Farmbesitzer Hershel ein Ersatzrentnermoralist für Dale vorhanden ist, der statt Autos Menschen zusammenflicken kann. Rick, der seinen Freund Shane töten musste, weil dieser in dezentem Wahn wiederum Rick erschießen wollte, ist zum Finale der Staffel der verhärtete Anführer - da hat dann wohl eher Shane als Dale den Kampf um seine Seele gewonnen. Ricks Familie ist zumindest oberflächlich noch intakt, als er den Anderen eröffnet: Jeder ist infiziert und wird nach dem Tod zum Wiedergänger werden.

Nachdem die Farm von Zombies, die sich sonst eher rar machten, überrannt wurde und die Gruppe aufgrund diverser Dämlichkeiten noch ein paar unwichtige Figuren verlor, wird als nächster Handlungsort ein Gefängnis angedeutet - "Sicherheit oder Falle?" In der Gruppe, die in den Augen mancher Mitglieder zerbrochen ist/war (was aber eher behauptet als ausgespielt wurde), scheinen die größten Konfliktherde ausgemerzt. Ob deswegen erneut weitere Figuren eingeführt werden? Wahrscheinlich. Zumal die Überlebenden für mich als Sympathieträger weitgehend verbrannt sind. Eine beinahe surreale Szene lässt immerhin hoffen: Eine vermummte Gestalt köpft Zombies mit einem Samuraischwert und zerrt zwei armlose Untote an Ketten mit sich!

The Walking Dead ist ein großer Zuschauererfolg, obschon die Qualität wie auch bei American Horror Story oder The River leider nicht mit den Erwartungen und Verheißungen mithalten kann. Aber alle diese Serien besetzen Nischen, wodurch sie zumindest noch Interesse und Hoffnung wecken. The Walking Dead wirkt jedoch nach ungefähr doppelt so vielen Episoden blutleer, trotz saftiger Splattereffekte. Vielleicht offenbart sich hier George A. Romeros Kulturpessimismus: Zombiehafte Erzählzeit und Handlungsarmut wird vom Zuschauer goutiert - das überstrapazierte Bild des hirntoten Fernsehguckers, der von Reiz zu Reiz wankt.

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Mittwoch, 21. März 2012

Alpha Protocol

«[...] Offenbar war seine Mission erfolgreich. Das hat mich ziemlich wütend gemacht. Und offenbar warst du da und hättest ihn aufhalten können, aber stattdessen bist du abgezogen, um irgendeine kleine Schlampe zu retten. Das macht mich sehr, sehr wütend. Hoffe, du bekommst dafür einen Dankeschön-Fick von ihr.»
Nein.

Freitag, 2. März 2012

Movie Tweets III

22 Bullets (2010): Stilsicher gefilmt, markante Gestalten, aber leider wenig spannend, weil Jean Reno übermächtig ist.

Attack the Block (2011): Gettokids vs. Aliens, von 0 auf 100 in Rekordzeit, kaum Pinkelpausen. Wenig originell, aber sehr unterhaltsam.

Birth (2004), Rebirth, Lies, Nicole Kidman, ein Junge. Langsam-stilvoll gefilmt, latent verunsichernde Szenen, aber zunehmend ohne Fokus.

Der Eissturm (1997): Gefrorene Gefühle, erstarrte Erzählung, superbe Schauspieler. Kann mit Tiger & Dragon trotzdem mehr anfangen.

Drive (2011): Stille & Reaktion, Stillstand & Aktion, Bild & Ton. Unheilvoll spannend (Pusher II), formal entrückt (Valhalla Rising).

Drive Angry (2011): Nic Cage bierernst im Trashfeuerwerk mit Muscle-Cars, blutigen Schießereien, schlechtem CGI, überdrehten Antagonisten.

Piranha 3D (2010): Blutig-derbe Fischschlachtplatte, Handlung geradlinig, Darstellerinnen kurvenreich.

Sleepwalking (2008): Prominent und gut besetztes Sozialdrama, das jedoch uninspiriert White-Trash- und Road-Trip-Klischees abklappert.

Super (2010): Skurrile bis groteske Szenen, aber langsamer Aufbau, schließlich abgründige Analyse des Superheldentums (dabei > Kick-Ass).

The Last House on the Left (2009): Reißbrett-Remake mit TV-Darstellern, zäh-ödem Aufbau und Plattheiten statt Ecken und Kanten.

Ziemlich beste Freunde (2011): Eine ungleiche Freundschaft, klischeehaft und dahinplätschernd, aber lustig und sympathisch.

Donnerstag, 1. März 2012

Dead Set

Während der Ausscheidungsshow einer englischen Big Brother-Staffel bricht eine Zombieseuche aus und nach vielen Verlusten sind die Kandidaten und einige Mitarbeiter die einzigen Überlebenden im abgesicherten Studio. Streit innerhalb der Gruppe führt schließlich zur Eskalation... Nur fünf Folgen mit einer Gesamtspielzeit von unter drei Stunden umfasst diese Serie, die unübersehbar die Zuschauer und Macher von Fernsehsendungen wie Big Brother mit Zombies gleichsetzt (und die eigentlich selbstdarstellerischen Kandidaten als die "echten" Menschen) - nicht originell, aber immer mal wieder mit netten Bildern umgesetzt. Richtig mitfiebern tut man mit den Protagonisten nicht, auch aufgrund der geringen Spielzeit, aber unterhaltsam ist es nichtsdestotrotz. Abgesehen von der letzten Folge kann die Serie vom Gewaltgrad nicht mit The Walking Dead mithalten und zudem ist Action leider oft mit Wackelkamera gedreht (die Zombies rennen hier übrigens 28 Days later-like). Dafür sind die Probleme aber auch andere (z.B. keine Flucht möglich, keine Waffen vorhanden). Eine interessante und durchaus sehenswerte Variante des Untotenthemas.

Dead Set | UK 2008 | Created by Charlie Brooker | Darsteller: Jaime Winstone, Andy Nyman, Kevin Eldon, Davina McCall, Riz Ahmed, Beth Cordingly, Kathleen McDermott u.a.

Montag, 27. Februar 2012

Fringe (4.14)

Olivia und Nina Sharp sind weiterhin irgendwo gefangen, als David Robert Jones eintritt und von Olivias Geheimbehandlung mit Cortexiphan erzählt. Sie soll nun ihre Kräfte aktivieren - der altbekannte Lampentest. Als Druckmittel muss Nina Sharp herhalten, die aber nur recht harmlos an ihrem Cyberarm und mit kurzen Elektroschocks gefoltert wird. Olivias Fähigkeiten zeigen sich nicht, sie wirkt trotz der Misshandlung ihrer Ziehmutter auch überraschend gefasst. In einer unbeobachteten Minute offenbart Olivia ihr schließlich, dass sie sich kaum noch an ihr eigenes Leben und damit die Vergangenheit mit Nina erinnert. Die Olivia aus Peters Zeitlinie überlagert alles, daher also auch ihre Distanz bei der Folter. Selbst eine Geschichte von Nina aus Olivias Kindheit hilft nicht, nur Peter kann als emotionaler Trigger fungieren. Da erleidet Nina einen Anfall und außerhalb der Zelle wird klar, dass sie tatsächlich mit Jones zusammenarbeitet (yeah, alles doch ein Trick) und sie gibt ihm die Information betreffs Peter.

Währenddessen suchen Nerdlee und Peter nach Spuren von Olivia. Ersterer ist wenig überraschend nicht gut auf Bishop junior zu sprechen. Er wiederholt Walters Vorwurf, dass Peter durch seine Anwesenheit Mitschuld am Zustand Olivias trage. Sie entdecken eine Überwachungskamera in Olivias Wohnung, aber die gefundenen Filmaufnahmen führen ins Leere. Und die verhaftete andere Nina Sharp gibt sich ahnungslos, obwohl es Zeugen dafür gibt, dass sie persönlich zweimal in den letzten drei Monaten auf das Cortexiphan zugriff. Das FBI testet seltsamerweise nicht, ob sie ein Gestaltwandler ist (Broyles: "If a shapeshifter was responsible, then you'd be dead"). Es geht also nicht weiter, als in einer coolen Szene der angeschossene Beobachter September in Walters Labor materialisiert. Er ist schwer verletzt und nicht ansprechbar, weswegen Peter verzweifelt vorschlägt, in dessen Gedanken einzudringen.

Und damit folgt endlich mehr Hintergrund der Beobachter! Die Enthüllungen von September gegenüber Peter sind unspektakulärer als gedacht/befürchtet:
«We are you... Were... Human... Many generations after your lifetime. We are one of countless possible futures for humanity. Our technology [im 1950er Design?!] has uniquely afforded us the ability to travel within and outside of time so that we may observe [warum auch immer] our beginnings [inklusive Urknall].»
Dann erzählt der Beobachter noch von Peters Wichtigkeit und seinem nun nicht mehr existierenden Sohn mit Fauxlivia (so wird der Zuschauer noch einmal schmerzhaft daran erinnert, wie sich die Autoren im Finale der dritten Staffel um all die spannenden Konflikte drückten). Serienjunkies' Vladislav Tinchev (5/5 Sterne) hat es wie folgt verstanden:
«Damit "ihre" Zukunft [der Beobachter] eintritt, muss Peter nicht nur am Leben bleiben, sondern auch ein Kind zeugen, und zwar mit "seiner" Olivia anstatt mit Fauxlivia, wie es in Peters Zeitlinie geschah.»
Peter solle nach Hause gehen, dann verschwindet der Beobachter von einer Sekunde auf die andere. Pragmatisch stiefelt Peter zu seinem Haus, wird da von Jones' Schergen geschnappt und zu Olivia gebracht. Diese schafft es daraufhin sofort, ihre Kräfte zu aktivieren und brät die Schurken mit Elektroblitzen. Olivia sagt außerdem, dass Nina nicht die echte sei, denn sie habe ihr eine falsche Geschichte erzählt. Gut, dass Olivia sich daran noch erinnern konnte (völlig wasserdicht fühlte sich die ganze Sache um Nina/Peter als Auslöser nicht an)... Jones und Nina türmen, Peter und Olivia hinterher und fangen sie bei einem Dimensionsportal ab. Einen Schuss in den Hals steckt Jones locker weg: "It would seem there are some fringe benefits to having one's body reassemble at an atomic level." Dann sind beide fort und es wird ungeklärt bleiben, wie Olivia genau entführt wurde. Am Ende entscheidet sich Peter schweren Herzens gegen diese Olivia, die darüber sichtlich erschüttert ist. Cordial Deconstruction hierzu:
«It seems the show is being deliberately vague and ambiguous as to whether this is or isn't Peter's Olivia. Peter seems to again believe it is not, but September never stated that it was not Peter's Olivia or that this wasn't Peter's native/proper multiverse.»
Lange musste der Zuschauer in dieser Staffel warten, bis es geballt Fortschritte und Erklärungen gab. Dies wurde nun endlich geliefert, auch wenn weiterhin vieles offenbleibt: Wozu braucht Jones Olivia? Was ist Sache mit den beiden Ninas? Cordial Deconstruction dazu:
«It seems that [Evil Nina] is the Nina from the Alterverse and not a shape shifter, though it's still possible that it is a shape shifter that has replaced the alternate Nina. [...] Did Jones replace [her] hand with a robotic prosthetic just to make her match Nina?»
Kann Peters Zeitlinie wiederhergestellt werden? Steckt noch mehr hinter den Beobachtern? Die sind nun tatsächlich etwas entzaubert und hängen mit der anderen großen Fringe-Säule, dem alternativen Universum, bisher kaum zusammen. Also abgesehen davon, dass Walter erst nach einem Missverhalten Septembers einst ins andere Universum reiste und so die Zerstörung beider Welten initiierte, die nur Peter aufhalten konnte. Ohne den Fehler des Beobachters, nach dem seine Kollegen derweil fahnden, würde also Vladis obige Theorie nicht funktionieren, oder?

Man muss diese Episode dafür schätzen, dass es endlich vorangegangen ist, obschon Polite Dissent einschränkt: "The science - medical and computer - was laughable and there was too much dull exposition." Zwischenmenschlich hatte die Folge auf mich überraschend wenig Wirkung, selbst die letzte Szene zwischen Peter und Olivia. Und bin mir weiterhin nicht sicher, ob ich den Kurs der Serie mag.
«Ist die menschliche Geschichte also nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Fehlern? Wird sie von solchen Fehlern vorangetrieben? Die „Fringe“-Geschichte auf jeden Fall.»
Das schreibt Vladislav Tinchev und trifft mit den letzten Sätzen den Nagel auf den Kopf - nur anders, als er es eigentlich meint...

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