Mittwoch, 17. August 2011

Krieg der Dämonen (Kinderfilm?)

Takashi Miike hat innerhalb von 20 Jahren bei über 80 Filmen Regie geführt und sich dabei munter durch alle Genres gewühlt. Hierzulande wurde er durch extremere Werke um die Jahrtausendwende wie Dead or Alive (nein, nicht die Videospieladaption) oder Audition bekannt; letzterer ist einer der verstörendsten Filme, den ich je im Fernsehen sah. Und dieser Mann drehte 2005 einen Kinderfilm, welcher erst Anfang des Jahres seine Free-TV-Premiere feierte.

Wobei: Ein Kinderfilm, der bei uns ab 16 Jahren freigegeben ist? Protagonist Tadashi ist die einzig relevante Kinderrolle und steht zu Beginn des Films nicht gut da: Er albträumt von der Zerstörung Tokios, seine Eltern sind seit einem halben Jahr geschieden, er zog von der Stadt aufs Land und lebt nun bei seiner Mutter und dem dementen Großvater. Seine Schwester und seinen Vater sieht er kaum, die Mitschüler hänseln ihn. Japanische Filme machen ungern halbe Sachen.

Wie passend, dass er zum "Ritter des Kirin" gemacht wird. Der soll die Menschheit beschützen, was an sich eher symbolisch zu verstehen wäre, wenn der dämonische Lord Kato - schicke Pentagramme auf dem Kragen seines SS-artiges Anzugs - nicht einen mächtigen Rachegeist eingefangen hätte, um sich zu... rächen! An uns Menschen, also Obacht. Die Ankunft des Bösen wird auch kinderfreundlich vermittelt: Ein degeneriertes Kalb mit verschrumpeltem Menschenkopf klagt über einen schrecklichen Krieg und vergießt schwarze Tränen. Der Film läuft da gerade einmal drei Minuten. Und nach zwei weiteren gibt es die erste Panties- und Cleavage-Ansicht von Katos süßer Handlangerin Agi. Es wundert mich schon etwas, dass Krieg der Dämonen in den USA ein PG-13-Rating erhalten hat, denn später leckt die attraktive Geisterdamenwelt keck das Gesicht Tadashis oder hält ihn leicht bekleidet in ihren Armen, seine Hand auf ihrem nackten Oberschenkel. Knusper Knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?

Noch ist Tadashi aber ein zögerlicher Feigling, während Kato mehr oder weniger freundliche Geisterwesen einfangen und sie dann mit dem Schrott der Menschen zu Dämonenrobotern verschmelzen lässt. Und wenn sich die eingekerkerten Gespenster nicht benehmen, wird ihnen eben Säure in die Augen gespuckt oder der Arm abgeschlagen! Agi, white bitch on the loose. Tadashi hat derweil dann doch seinen Mut bewiesen, eine kleine Schar von übernatürlichen Unterstützern gefunden und ein magisches Schwert erhalten. Bis es zum Endkampf kommt, geschehen aber noch ein paar Irrungen und Wirrungen. Beispielsweise so kinderfreundliche Szenen wie diese: Tadashis knuffiges Geistertierchen wird von einem Roboter gewürgt, worauf es den Metallschurken anpinkelt. Ein Kurzschluss ist die Folge, was Agi nicht gutheißt und dem Fellknäuel sprichwörtlich die Schnauze poliert, bis diese blutet. Später schießt ein Polizist beim Angriff der Dämonen aus Versehen einem anderen Menschen in den Kopf.

Schließlich wird Kato - natürlich - aufgehalten, die Menschheit gerettet. Aber nicht ohne Verluste und wahrscheinlich nur vorübergehend. Der Zuschauer hat dann einige klare Botschaften zu Umweltschutz und Krieg an den Kopf geschmissen bekommen sowie ein "typisch asiatisches", nicht immer völlig nachvollziehbares Wechselbad der Gefühle erlebt: Von Grusel bis zu explizitem Horror, von Familienleben bis zu albernen Geistertreffen, von traurigen Momenten über dezente Erotik bis zu ausgelassener Erleichterung. Nebenbei dürfte sich mancher über die Inszenierung des Ganzen wundern: Die Geister und Dämonen stammen in stark schwankender Qualität aus dem Computer, werden aber auch von Schauspielern in handwerklich ebenso stark schwankenden Masken und Kostümen verkörpert - phantasievoll sind sie jedoch immer. Tricktechnisch liegen die 90er mit Power Rangers & Co. nicht weit weg. Dies ist sicher aber auch Teil des Charmes dieser zweistündigen Adoleszenzgeschichte, die streckenweise etwas träge erzählt wird und den Kinderfiguren schrecklicke Synchronsprecher verpasst. Trotzdem eine skurrile Seherfahrung, eine Art abgedrehtere und düstere Realfassung von Chihiros Reise ins Zauberland zuzüglich Artussage und anderer Fantasy-Zutaten. Anschauen!

Spoiler: Das Ende

Der angekündigte Endkampf findet übrigens gar nicht statt: Agi, die Kato aus tiefer Liebe folgt, wird von ihm getötet, denn "die Liebe, die du für mich empfindest [...], ist im Weg". Danach entzieht er sich der Entscheidungsschlacht, um selbst mithilfe des Rachegeistes irgendwie zu mutieren. Doch eine einzelne Erbse (!) gelangt zufällig in die Kammer und alles explodiert. Tokio ist tatsächlich verwüstet, Tadashi erwacht auf der Straße und erzählt einem Mann eine Lüge.
«Wenn man es für sich selbst tut, ist es eine rote Lüge. Aber wenn man für einen anderen lügt, ist es eine schneeweiße Lüge. Ich glaube, dass ist ein Zeichen dafür, dass man erwachsen wird.»
Wenn man erwachsen wird, verliert man auch die Gabe, Geister zu sehen (außer man betrinkt sich). Es folgt ein Zeitsprung, Tadashi ist ein junger Mann, sein Großvater mittlerweile verstorben. Während er das Haus verlässt, streunt sein Geistertierchen um ihn herum, doch er kann es trotz dessen herzerweichender Laute nicht mehr wahrnehmen. Tadashi fährt weg und als das Tier aufsieht, steht dort Kato...

Krieg der Dämonen - The Great Yokai War | Yôkai daisensô
J 2005 | IMDb | OFDb
Regie: Takashi Miike
Buch: Takashi Miike, Mitsuhiko Sawamura, Takehiko Itakura
Darsteller: Ryuunosuke Kamiki, Hiroyuki Miyasako, Chiaki Kuriyama, Masaomi Kondô, Sadao Abe, Mai Takahashi, Etsushi Toyokawa u.a.

Montag, 15. August 2011

"Deadly and incredibly beautiful"

Jetzt erst via Rivva entdeckt: Ein beeindruckendes, wenn auch sicher nicht einzigartiges Video über Meer, Wellen und Menschen. Düstere Farbgebung und ein Dubstep-Remix des bekannten Lux Aeterna aus Requiem for a Dream als Musikuntermalung. Auf YouTube stottert der Ton beim Szenenwechsel, nicht so bei der hier eingebetteten Vimeo-Version (flüssig ist die Bildrate bei beiden leider nicht immer). Die russischen Titel der Uploads lauten übersetzt "Sea Storm" und eben "Deadly and incredibly beautiful".

Mittwoch, 20. Juli 2011

The Shield (Farm der Tiere) [Update II]

Die US-Polizeiserie The Shield trägt in Deutschland den Zusatz "Gesetz der Gewalt" und dies umschreibt die Handlung treffend: Gewalt führt zu mehr Gewalt und kann kein Ausweg sein. Für die "Strike Team"-Sondereinheit des Stadtteils Farmington (Farm genannt) in Los Angeles gehört hartes und unkonventionelles Vorgehen gegen Gang- und Drogenkriminalität zum Alltag, dabei wird regelmäßig geltendes Recht gebeugt und gebrochen. Dies ist auch dem politisch ambitionierten Captain der Polizeiwache bekannt, weswegen er ein fünftes Mitglied ins Team brachte, welches nun die illegalen Machenschaften der eingeschworenen Truppe aus Vic Mackey, Shane Vendrell, Curtis Lemansky und Ronnie Gardocki aufdecken soll...

The Shield versucht ein realistisch wirkendes Bild des Polizei-, Bezirks- und Gangalltags zu zeichnen. Dramatisierende Musik ist selten, Handkameras kommen zum Einsatz. Oft geraten nur kurz kleine Gesten in die Bildmitte, die Kamera schwenkt weiter, zoomt heran, fokussiert neu, harte Schnitte leiten Szenenwechsel ein - wie ein Augenzeugenvideo.

Jede Episode behandelt mehrere Kriminalfälle mit Festnahmen und Schießereien auf der Straße, Beinarbeit der Ermittler und Verhören auf der Wache. Gleichzeitig nimmt der Werdegang des Strike Teams und ihr Kampf gegen Verbrecher als auch misstrauische Vorgesetzte mehr und mehr Platz ein. Immer wieder treten bekannte Nebenfiguren auf, das Privatleben einiger Polizisten wird beleuchtet, ohne weitere Erklärung werden zurückliegende Ereignisse erwähnt und erschütternde Vorfälle wie Kindesmord nüchtern ohne Sensationsgier verarbeitet. So entfaltet The Shield eine einnehmende Sogwirkung und verzahnt abgeschlossene "Fälle der Woche" mit einem komplexen, episodenübergreifenden Handlungsbogen. Das sich über mehrere Staffeln entwickelnde Ende der Serie ist herausragend und stellt in seiner Konsequenz den Maßstab für bspw. Dexter dar. Wer trotz meiner uneingeschränkten Empfehlung die 88 Episoden nicht genießen möchte oder sie schon kennt, findet im Anschluss eine Inhaltsangabe der Haupthandlung und schließlich eine Auseinandersetzung mit dem Serienende.

Spirale der Gewalt

Die ersten Staffeln zeigen sowohl das Vorgehen des Strike Teams unter den stets misstrauischen Augen der Vorgesetzten als auch die Arbeit einiger ihrer Revierskollegen. Bereits am Ende der Pilotfolge erschießen Mackey und Vendrell den vom Captain eingeschleusten Spitzel vorsätzlich. Dessen Tötung wird noch nicht als alles betreffender Konflikt behandelt, vielmehr herrscht weitgehend gute Laune, weil Mackey & Co. wie ein härteres A-Team auftreten und handeln: Unverfroren durch die Mitte und erfolgreich. Dass Mackey auch seine Ehefrau Corrine, die er weiterhin liebt, regelmäßig betrügt, tut der Sympathie keinen Abbruch. Am Ende der zweiten Staffel raubt das Team schließlich einige Mafiamillionen. Dies ist der Wendepunkt: Sie hätten jetzt alle ausgesorgt, wenn sie das Geld durchbringen. Daran werden in der dritten Staffel die Energien des Strike Teams gebunden, es geht nicht mehr um Rechtsbeugungen und Korruptheiten im Alltag, sondern um die Ablenkung von Mafia und Polizei. Der Druck steigt, schlussendlich zerbricht Lemansky daran und verbrennt eigenmächtig den Großteils des Geldes. Doch dies führt nicht zu einem "Reset" innerhalb der Gruppe, das Vertrauen untereinander ist nun beschädigt und das Team löst sich auf.

In Staffel 4 wird ein neuer Captain eingesetzt und Shane Vendrell rutscht im Sittendezernat ohne Fangnetz seines ehemaligen Teams tiefer in illegale Tätigkeiten, während es Lemansky in seiner neuen Abteilung besser zu gehen scheint. Vendrell gerät schließlich unter die Knute eines Gangsterbosses und soll Mackey umbringen. Er steht im rechten Augenblick zu seinem Freund und das Team findet wieder zusammen, obschon das Vertrauen durch Vendrell weiter erodiert wurde.

Staffel 5 führt neben zwei neuen Captains einen Beamten der Dienstaufsicht ein, der sich im Revier einquartiert und das Strike Team unter die Lupe nimmt. Das Katz-und-Maus-Spiel mit den Vorgesetzten wird ernst, schließlich wird Lemansky wegen eines Drogendelikts verhaftet. Jetzt bricht das in den letzten beiden Staffeln aufgebaute Misstrauen in der Gruppe wieder aus - wird Lemansky all die Untaten des Teams gestehen, um sich zu retten? Vendrell entscheidet sich am Ende für seine junge Familie und tötet ihn ohne das Wissen der Anderen mit einer Handgranate.

Die letzten beiden Staffeln zeigen nun den Niedergang des Teams. Der labile Dienstaufsichtsbeamte wird von der verbliebenen Gruppe ausmanövriert und landet selbst im Knast, aber all die Verdachtsmomente gegen das Strike Team stehen nun offen im Raum. Mackey und Gardocki suchen den Mörder von Lemansky, während Vendrell mit seiner Schuld und gleichzeitig der Vertuschung zurechtkommen muss. Als Vendrells Tat den beiden anderen Teammitgliedern bekannt wird, bringt es Mackey nicht wie geplant übers Herz, ihn zu töten. Ein gefährliches Gleichgewicht herrscht nun zwischen ihnen, während Vendrell wieder in den Verbrechenssumpf abgleitet. Ein daraufhin initiiertes Mordkomplott von Mackey und Gardocki gegen Vendrell scheitert und eskaliert endgültig das Verhältnis zwischen ihnen. Vendrells eigener Attentatsversuch gegen die beiden misslingt ebenfalls, lässt ihn aber plötzlich als Verbrecher dastehen. Er flieht mit seiner Familie, Mackey und Gardocki jagen ihn auf eigene Faust, um zu verhindern, dass Vendrell sie mit einem Geständnis ins Gefängnis bringt.

Um seine Karriere zu retten - er soll in den Ruhestand abgeschoben werden -, beginnt Mackey ein waghalsiges Spiel mit Regierungsbehörden und Drogenkartellen. Er bekommt einen neuen Job und Straffreiheit, kann dies jedoch gegen dessen Wissen nicht für Gardocki erreichen. Vendrell sieht aufgrund von Mackeys Immunität keinen Ausweg mehr und bringt seine Familie und sich um. Gardocki wird wegen der Taten des Strike Teams verhaftet, alle Kollegen wenden sich von Mackey ab und er muss erkennen, dass er auch seine Frau längst verloren hat: Sie arbeitet mit der Polizei zusammen und taucht mit den Kindern im Zeugenschutzprogramm aus Angst vor ihm unter. Vic Mackey wird schließlich in ein Großraumbüro versetzt - er ist von der Straße runter, wie es alle seinen Gegenspieler immer wollten.

Ende der Gewalt

The Shield ist zu Beginn eine durchaus gängige Polizeiserie über "unkonventionelle" Cops - obige Inhaltsangabe ist nur äußerst grob und ließ unzählige Handlungsstränge und Hauptfiguren aus -, wandelt sich aber zu einem Abstieg ins Herz der Dunkelheit. Es dürfte kein Zufall sein, dass die letzten drei Staffeln, die als ein episches Finale angesehen werden müssen, in die Spätphase des goldenen Serienzeitalters fielen.

Das Strike Team verhaftete unzählige Verbrecher und löste Fälle, die niemand anders hätte abschließen können. Doch verbrannte es dabei wie eine Supernova, verzehrte Gesetzbücher und nur wer sich rechtzeitig von der Gruppe lösen konnte oder ihr nie zu nahe kam, blieb unversehrt. Nichts konnte dem Team etwas anhaben, einzig die Selbstzerstörung vermochte dies.

Vic Mackey als Anführer des Strike Teams ist kein böser oder schlechter Mensch, er ist liebender Familienvater und leidenschaftlicher Verbrechensbekämpfer - ganz klar ein sympathischer Protagonist. Shane Vendrell als sein Mittäter im initialen Polizistenmord wird mehrmals zum Gegenspieler und wandelt auf schmalem Grat. Als schließlich der innere Zusammenhalt und das Gleichgewicht des Teams in Trümmern liegt, stürzt er ab und findet paradoxerweise erst als gesuchter Verbrecher seelischen Frieden in seiner Familie. Mackey ist zu diesem Zeitpunkt die Spinne in einem Netz, dessen Ausmaße er selbst nicht mehr erkennen kann. Seine Ehe ist bereits lange zerbrochen und er scheitert als "Schild", seine Familie vor seinen eigenen Machenschaften abzuschirmen.

Gerade das Familienwohl ist bis zuletzt Antrieb seines Handelns, aber gerade das treibt seine Frau von ihm fort - die frühe Scheidung ist erst der Anfang - und vernichtet das Team. Vic Mackey darf nicht ungeschoren davonkommen und dieser Verlust der Zuschauersympathie ist neben der Konsequenz des Niedergangs das Heraussragende an The Shield. Als er seine Straffreiheitspapiere unterzeichnet, hofft man vergeblich auf eine überraschende Wendung: Die Polizisten, die ihm jahrelang auf die Finger schauten, kommen zu spät. Als Mackey nach langem, unsicherem Zögern anfängt, alle seine Verbrechen gemäß der Immunitätsvereinbarung endlich und erstmalig jemandem zu offenbaren, ist das ungläubige Entsetzen der Zuhörer großes Kino. Er hat sie alle getäuscht, das Strike Team war noch viel schlimmer als befürchtet; sein weiblicher Polizeicaptain - aufrichtig und moralisch bis zur Schmerzgrenze - erleidet einen Zusammenbruch. In dieser langen Gesprächssequenz, in der Mackey den Bundesagenten seine Vergehen schildert, wird auch dem Zuschauer vor Augen geführt, mit welchen Menschen man all die Zeit mitgefiebert hat. Die Welt ist schlecht und irgendwer musste so handeln, mag ein Einwand sein, aber die Arroganz und Kaltschnäuzigkeit, mit der Mackey hier auftritt, führt zum Verlust jeglicher verbliebener Sympathie.

"Sie haben Ronnie Gardocki damit genug Scheiße angehängt, um ihn lebenslänglich wegzusperren", sagt die Bundesagentin schließlich, die sich für Mackey einsetzte und ihm den Deal besorgte. "Ja... aber zumindest ist Corinne aus allem raus", erwidert dieser, ohne zu wissen, dass seine Frau gegen ihn mit der Polizei zusammenarbeitet. "Sie sind ein kranker, perverser Mann", meint die Agentin zähneknirschend. "Sonst noch was?" ist Mackeys Antwort. Beim Rausgehen fragt sie ihn dann hilflos: "Haben Sie eine Vorstellung davon, was Sie mir angetan haben?" Hart und doch wahrheitsgemäß erwidert er: "Hab schon schlimmeres getan."

Der bemitleidenswerte Shane Vendrell ist zu diesem Zeitpunkt noch auf der Flucht. Nach dem Mord am Spitzel zu Serienbeginn war er angeschlagen, doch Mackey härtete ihn ab. Auch am Tod Lemanskys durch Vendrell ist Mackey nicht völlig unschuldig. Ronnie Gardocki, Mackey blind folgend und doch von ihm getrieben, wird am Ende ebenfalls ein Mörder sein und die Rechnung für alle(s) kassieren. Bedingungslose Treue einer Gruppe ist gefährlich, wenn der Anführer in die falsche Richtung stürmt. Die Fahrt in den Abgrund ist so schnell geworden, dass Bremsen oder Abspringen nicht mehr möglich ist. Gegenseitig peitschen sich die letzten Mitglieder zum Weitermachen, wenn einer aussteigen möchte, und damit ins Verderben. Die Spielkarten mit dem Aufdruck "Strike Team was here!", die als Gruß an Gangster verteilt wurden, sind ein Zeichen: Zu hoch gepokert gehört das Team nun der Vergangenheit an.

Im letzten Gespräch zwischen Mackey und Vendrell - nur noch per Telefon - erfährt letzterer von Mackeys Immunität. Sie beide waren die Schlimmsten im Team, Lem als moralisch Integerster starb zuerst (durch Vendrells Hand) und nun kommt einzig Mackey unbelangt davon. Im Zorn wirft Mackey zudem Vendrell an den Kopf, dass er dessen Kinder an ihren Geburtstagen besuchen werde, während Vendrell und seine Ehefrau im Gefängnis säßen. Damit trägt Mackey auch Schuld am Tod der ganzen Familie Vendrell: Ohne Geld und verletzt kehrt sie zurück in ihr Haus, die Flucht ist beendet, die Familie ist nur noch nicht gefasst. Als die Polizei - ehemalige Kollegen - das Haus stürmt, jagt sich Shane Vendrell eine Kugel in den Kopf, seine schwangere Frau und sein Sohn liegen aufgebahrt auf dem Bett, vergiftet.

Vic Mackey kehrt ein letztes Mal in seine Polizeiwache zurück, erfährt von Vendrells Tod. Ronnie Gardocki, trotz allem davon schwer getroffen, meint unter Tränen: "Endlich frei von der ganzen Scheiße, die über unseren Köpfen hing. Daran hab ich nicht mehr geglaubt." Doch Mackey zögert zu lange, ihm die Wahrheit zu erzählen - was zudem ein Verstoß gegen sein Immunitätsabkommen wäre - und wird weggerufen. Im Verhörräum, auf dem Platz des Verdächtigen, wird ihm Vendrells Abschiedsbrief vorgelesen:
«Die Schuld liegt bei mir und Vic. Vic ist vorangegangen, aber ich bin immer gefolgt. Ich glaube nicht, dass einer von uns schlimmer ist als der andere, aber wir haben uns gegenseitig zu etwas getrieben, das schlimmer war als jeder für sich. Ich wünschte, ich wäre ihm nie begegnet. [...] Ich war, was ich war, und diese Person kann ich nicht mehr sein.» (Auszug)
Mackeys Gesicht ist von Trauer gezeichnet, doch dann verhärten sich seine Züge. Er reißt die Überwachungskamera von der Wand, sieht dabei aus wie ein brutaler Straßenschläger. "Stell's mir in Rechnung", grunzt er beim Verlassen des Raumes. "Mach ich und die erste Rate wird sofort fällig", antwortet der Captain. Und Ronnie Gardocki, Mackeys letzter Freund, wird für die Taten des Strike Teams in den über die Serienlaufzeit vergangenen drei Jahren verhaftet. Während er erst ungläubig, dann Mackey wild beschimpfend abgeführt wird, verlässt dieser - er bringt seine Familie als schwache (und sachlich falsche) Entschuldigung vor - unter den von Abscheu und Geringschätzung geprägten Blicken seiner ehemaligen Kollegen und Freunde die Wache, die passend in einer alten Kirche untergebracht ist.

An seinem neuen Arbeitsplatz muss er dann erkennen, dass er kaltgestellt wurde: Anzugpflicht, Aktenarbeit, keine Dienstwaffe, keine Außeneinsätze. Er baut Fotos seiner Familie in der kleinen Schreibtischzeile im Großraumbüro auf, doch wird er sie wohl nie mehr wiedersehen. Keine Familie, keine Freunde. Als das Licht ausgeht, greift er zu seiner Privatwaffe und verlässt das Gebäude. Wie wird er seiner persönlichen Hölle entkommen? Kann er noch sein, was er ist...?

PS: Oliver Nöding über die Serie.

The Shield | USA 2002-2008 | Created by Shawn Ryan | Darsteller: Michael Chiklis, Walton Goggins, Kenny Johnson, David Rees Snell, CCH Pounder, Jay Karnes, Catherine Dent, Michael Jace, Benito Martinez u.a.

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Dienstag, 12. Juli 2011

SpOn und Nerds

«Der Supernerd ist die Steigerung des Nerds. Ein Nerd ist ein Sonderling, dessen soziale Inkompetenz durch seine Intelligenz, sein Fachwissen, meistens seine Computerfähigkeiten, nicht ausgeglichen wird. Ein Supernerd hingegen ist genauso ein Sonderling und Fachidiot, aber er bringt es zu Starruhm. Anders als der Nerd hat der Supernerd Zugriff auf Frauen [...].»
Angela Richters "Erlebnisbericht" eines ersteigerten Abendessens mit Julian Assange und Slavoj Zizek, "Superstars des linken Establishments", ähnelt einem einzelnen Haute-Cuisine-Gang: Schön angerichtet, aber satt wird man davon nicht.

Samstag, 2. Juli 2011

Duke Nukem Forever

Forever. Alterslos. Dauerpotent. Über ein Jahrzehnt in der Entwicklung, fünf Logos von Entwicklern und Herstellern im Vorspann. Langes Pinkeln in der Egoperspektive - ein alter Witz, wie passend. Seinen Strahl lenken ist nicht, der Duke pisst nicht daneben, er trifft jedes Loch. Danach kann er aus derselben Toilette trinken, was sein "Ego" verstärkt. Dieser Mann ist am Ende. Er kann an allen Pissoirs nippen und jedes einzelne Mal kommt einer von zwei Kommentaren aus seinem Munde, mit der deutschen Stimme von Bruce Willis. Früher zerschlug der Duke noch die Schüsseln, bevor er das lebenswichtige Wasser zu sich nahm. Heute fischt er Kot aus dem Klo und wirft es gegen die Wand. Damit ist eigentlich alles gesagt. Duke fragt zwar, wer denn so etwas mache, aber diese Trennung zwischen ihm, der Hauptfigur, und dem Spieler verdeutlicht seine Rolle: Er ist bloß noch ein Spielball, nur sein Ruhm und seine Verdienste vergangener Tage bewahren ihn vor der Ausmusterung.

Er spielt sein eigenes Videospiel, macht einen müden Witz über die Entwicklungszeit. Zwei Frauen im Schulmädchenkostüm haben ihm offscreen einen Blowjob gegeben. Das interessiert ihn wenig, denn er spielt ja endlich das Spiel. Wünschen sich die Entwickler, der Spieler würde ebenso priorisieren?

Eine Besprechung mit Soldaten. Der ganze Raum voller Leichen und Blut. Warum räumt niemand das abgerissene Bein weg? Warum wurde sich über Bulletstorm aufgeregt? Wurde es das? Der Duke betritt das Football-Feld. Wieder eine Reminiszenz an früher. Mit dem bekannten Devastator wird ein Riesenmonster zerlegt. Der Duke fährt dann kurz einen Riesentruck, dieser lässt sich schwer steuern. Er steigt aus, schnappt sich eine Waffe und erlegt Schweinemutanten. Die waren damals nicht so muskulös. Der Duke dagegen hat offenbar Muskelschwund, denn er kann nur noch zwei Waffen gleichzeitig tragen. Nach wenigen Treffern ist er schon am Boden. Endlose Ladezeiten, bis es wieder weitergeht. Soll der Spieler so konstant erfahren, wie lange dieses Spiel in der Entwicklung war?

Duke Nukem Forever ruckelt. Texturen laden nach. Es hat das schlimmste Kantenflimmern, welches ich je gesehen habe. Ich breche ab, denn die Xbox-360-Demo ist schrecklich. Davon ausgehend kann ich die vernichtenden internationalen Wertungen verstehen. Der Duke tut mir leid.

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Erstellt: 2006-09-02 17:58
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Letztes Update: 2024-10-11 15:45
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