Donnerstag, 5. Juni 2008

Crytek von EA gelernt?

Auch wenn EA-Bashing seit Jahren in Mode ist und Electronic Arts zuletzt sogar mit kritischen Selbstbekenntnissen überraschte - trotzdem schwelt noch die mögliche Übernahme von Take-Two (Rockstar Games, 2K Sports) -, scheint die Firmenpolitik der jährlichen, oft eher dezent veränderten Spielefortsetzungen zu tief verwurzelt. Nun wurde Crytek davon offenbar infiziert, die sich nach ihrem umjubelten Erstling Far Cry mit Publisher Ubisoft überwarfen und zu EA gingen.

Während der Anfang 2004 erschienene First-Person-Shooter Far Cry seinen letzten Patch 1.4 Ende 2006 (!) erhielt, scheint beim inoffiziellen Nachfolger Crysis bereits nach sechs Monaten Schluss damit zu sein. Das grafisch beeindruckende und positiv bewertete, aber extrem Hardware-hungrige Spiel war erst im November 2007 erschienen.

Ende April verlautbarte Crytek-Präsident Cevat Yerli in einem Interview mit PC Play sichtlich verstimmt:
«We are suffering currently from the huge piracy that is encompassing Crysis. We seem to lead the charts in piracy by a large margin, a chart leading that is not desirable. I believe that’s the core problem of PC Gaming, piracy. To the degree PC Gamers that pirate games inherently destroy the platform. Similar games on consoles sell factors of 4-5 more. It was a big lesson for us and I believe we wont have PC exclusives as we did with Crysis in future. We are going to support PC, but not exclusive anymore.»
Anfang Mai erschien auf dem Crymod Modding Portal dann das "Crysis Monthly Update #1", in dem zum einen auf obiges Interview hingewiesen, aber auch mitgeteilt wurde, dass die Arbeiten am Dedicated Server für Linux (gab's für Far Cry) als auch am neuen Patch abgebrochen wurden:
«At this time, there almost certainly will not be a patch 1.3 delivered for Crysis. We are aware that this news will disappoint many of you, and we would like to apologize profusely. There is a good reason for this and we hope you understand when you hear more about the reasons why in the very, very near future.»
Heute nun wurde überraschend das Spin-off Crysis Warhead angekündigt, welches die Geschichte von Crysis aus einer zweiten Perspektive erzählen wird. Interessanterweise soll es im Herbst doch noch exklusiv für PC erscheinen - vielleicht wegen Microsofts "Games for Windows"-Initiative, denn Crysis fungiert dort als (DirectX 10-) Aushängeschild.

Außerdem entsteht Crysis Warhead nicht bei Crytek in Frankfurt, sondern beim Budapester Außenstudio. Warum deswegen der Support von Crysis eingestellt werden musste, wird auch in der Pressemitteilung nicht wirklich deutlich:
«Alongside today’s super-exciting announcement of Crysis: Warhead we wanted to take the chance to bring some clarity to some misunderstandings we have seen in the community after last week’s Crysis Monthly Update.

As you know, it was a very hard decision for us to cancel Patch 1.3, but in the end it was important we shift our focus to some of the new and exciting things we are doing with Crysis Warhead. We have a lot of great content planned for the community and as we get closer to launch, we’ll be sharing a lot of details of what we are working on behind the scenes. This was the main reason behind the cancellation of the patch and while piracy was and continues to be an issue with Crysis, it did not have any role in our decision to cancel this patch.» (Hervorhebung von mir)
So scheint ein Ableger mehr Arbeitskräfte zu benötigen als die Entwicklung von Crysis samt der kompletten CryENGINE 2?! Super-exciting. Vielleicht sitzt Crytek in Frankfurt aber auch längst an der gewinnversprechenden Umsetzung ihrer Grafik-Engine für Xbox 360 und PS3...

Abschließend das Statement von EAs "Vice President and Global General Manager" David DeMartini:
«The best result of a partnership that we can ask for in the EA Partners program is when a world class independent studio like Crytek chooses to continue to work with us. Crysis was an amazing game and is going to be a blockbuster franchise. We could not be more excited to be working with Crytek to launch another hit with Crysis Warhead this year.» (Hervorhebung von mir ;-)
PS: Ich habe Crysis nicht gespielt, kenne aber Far Cry.
Update: Kleinere Ergänzungen.

Sonntag, 1. Juni 2008

Approaches

LostWinds:
«Nicht nur der bisher spannendste "Wii Ware"-Titel, sondern eines der schönsten Spiele für die Wii überhaupt.» (GEE Juli/August 2008)
«Nett, aber bei weitem kein Pflichtkauf. [3/5]» (GamePro 7/2008)
PS: GameRankings.com 82%, metacritic.com 81%, critify.de 79%.
PPS: LostWinds ist für SpielerZwei "ein kleines, aber feines Stück Software".

Dienstag, 27. Mai 2008

Jolly Goods

Ich lausche zwar recht häufig Musik, bin aber sicher kein audiophiler Hörer; großartiges Klangverständnis geht mir ab - ich kloppte nie in einer Musikschule auf Xylophone ein und verfluchte Dreiklängeraten im Musikunterricht. Was ist das überhaupt für ein Fach, in dem Instrumentalisten als Leistungsstandard genommen werden und die Normalsterblichen sowohl in Dur als auch Moll notentechnisch untergehen? Ich blende zudem einen wichtigen Teil der meisten populären Musik aus: Liedtexte werden von mir eigentlich nur bei deutschem Hip-Hop wahrgenommen (aktueller Tipp: Prezident).

Aber egal, ich wollte jetzt einfach mal ein Album jenseits meiner "Lauschen"-Sidebar empfehlen, nämlich her.barium von Jolly Goods - zwei Schwestern an Gitarre ("Tanja Pippi") und Schlagzeug ("Angy"). Mein musikalisches Genre- und Gattungswissen ist limitiert, also nur soviel: 30 Minuten lang werden schöne Melodien durch Schrei- und Schrabbelausbrüche gebrochen, wodurch die Platte doppelt interessant und abwechslungsreich gerät. Entdeckt in der 22. Rocknacht im WDR.
«Unterwegs zu sein macht uns, wie wohl jeden anderen Musiker auch, besonders froh, denn es ist die Art, wie wir es mögen unsere Songs zu präsentieren: Live, echt, brüllen, zertrümmern, weg. Jolly Goods auf Platte zu hören ist echt hart, aber live kann es schon mal unerträglich werden.» (Jolly Goods im I am the Empire-Interview)

Samstag, 24. Mai 2008

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

Jetzt ist also auch "Indy" zurück, 19 Jahre nach Der letzte Kreuzzug. Und um den aktuellen Filmtitel auszusprechen, braucht man fast genauso lange: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels. Die Kritiken decken dabei die ganze Bandbreite ab; ich tendiere leider in Richtung missglückte Wiederbelebung anstatt gelungene Rückkehr.

Um dem alt gewordenen Harrison Ford Rechnung zu tragen, spielt der Film 1957, womit die Nazis als Gegner ausgespielt haben und die Sowjets ihren Platz einnehmen, die aber trotz einer den Degen schwingenden Cate Blanchett recht farblos bleiben. Aufgrund post-McCarthy'scher Kommunistenhatz muss Indy von seiner Uni entlassen werden und hilft dann dem plötzlich auftauchenden Shia LaBeouf, einen alten Professorenfreund sowie den titelgebenden Kristallschädel zu suchen, dem auch die Russen nachstellen.

Die zwei größten Befürchtungen bewahrheiten sich nicht: Zum einen ist Harrison Ford mit 65 Jahren immer noch Indy und macht auch in Actionszenen eine gute Figur, ohne dass es allzu übertrieben wirkt oder dauernd ein Stuntdouble einspringen muss. Zum anderen spielt Shia LaBeouf, der schon in Transformers positiv auffiel, deutlich die zweite Geige, er wird also kaum als "Next Generation Indy" präsentiert, sondern frönt lieber seinem Marlon-Brando-Biker-Image und achtet auf seine Frisur.
Auch gibt es viele kleine und größere Verweise auf die drei Prequels aus den 1980ern, am hervorstechendsten sicher der (etwas kleingeratene) Auftritt von Karen Allen aus dem ersten Teil. Doch reichen diese Referenzen nicht, um Das Königreich des Kristallschädels als Ganzes gelingen zu lassen.

Dies liegt vor allem an der Geschichte, die weit über die religiös angehauchte Mythologie der Vorgänger hinausreicht oder eher hinausschießt und Mystery durch Science Fiction ersetzt - viel "Spaß" beim Finale des Films, das schlicht unpassend ist. Auch verläuft die Handlung nicht besonders elegant, stolpert stattdessen unmotiviert vor sich hin und muss einen verwirrten Kauz als Stichwortgeber bemühen, um von Location zu Location zu springen.

An den verschiedenen Örtlichkeiten findet dann die Action statt, leider in teils stark überzogener und sinnloser Manier. Da tauchen aus dem Nichts für ein paar Schlagabtausche peruanische Ninja-Kids auf, Indy ist generell unverwüstlich und der billige PlastikKristallschädel ist immer dann magnetisch, wenn es die Dramatik erfordert.
Das Scheitern des Films wird schließlich durch die zentrale Verfolgungsjagd im Dschungel verdeutlicht, die zwar insgesamt gut inszeniert ist, aber unter anderem einen LaBeouf zeigt, der Tarzan-like und umringt von Affen von Liane zu Liane schwingt. Wenn das nicht schon übertrieben genug wäre, ist diese Szene tricktechnisch auch noch misslungen. Dies setzt sich kurz danach fort, als Legionen von aggressiven CGI-Riesenameisen auftauchen - eine Kopie der "billigen" Skarabäen aus Stephen Sommers' Die Mumie-Reihe... Spätestens da wirft der Film alle Logik über Bord, die vorher schon nur oberflächlich vorhanden war.

Je mehr man über den Film nachdenkt, desto mehr zerfällt er in einzelne Fragmente, einige gekonnt, witzig und durchaus charmant, andere wie die oben erwähnten misslungen. Ein Abenteuerfilm soll sicher nicht zum Philosophieren anregen und muss nicht realistisch sein, aber er darf auch nicht nur Szene an Szene klatschen. Immerhin sind die Spezialeffekte meist einigermaßen gelungen und eher versteckt eingesetzt, teils aber auch von erstaunlich mäßiger Qualität. Zudem wurde oft ein Farbfilter benutzt, der die Bildausleuchtung ruiniert und selbst Einstellungen ohne augenscheinliche CGIs künstlich erscheinen lässt.

Das Königreich des Kristallschädels zerstört nicht die Figur Indiana Jones, da das alte Raubein noch am souveränsten gezeichnet wird (und eine von wohl zu viel Whisky gezeichnete deutsche Stimme aufweist). Der Film beschwört jedoch kaum den Geist der Vorläufer, zerfasert in Einzelszenen - immerhin ohne Hektik gefilmt - und bietet nicht einmal eine gute Geschichte. Es ist kein besonders guter Indy-Film und auch kein besonders guter Abenteuerfilm. [3/5]

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels | Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull
USA 2008 | IMDb | OFDb
Regie: Steven Spielberg
Buch: David Koepp
Darsteller: Harrison Ford, Shia LaBeouf, Cate Blanchett, Karen Allen, Ray Winstone, John Hurt u.a.

Sonntag, 18. Mai 2008

[REC] (Barcelona Witch Project)

Auf dem Fantasy Filmfest 2000 konnte mich Jaume Balagueró mit The Nameless noch nicht überzeugen, im Gegensatz zu The Blair Witch Project, das dort damals als Highlight lief. Nun schließt sich der Kreis, denn Balaguerós neuester Film [REC] zusammen mit Paco Plaza adaptiert den "Doku-Horrorfilm": Eine TV-Reporterin macht eine Sendung über die Nachtschicht einer Feuerwache in Barcelona und von den Geschehnissen, die sich alsbald in ein Wohnhaus verlagern, sieht der Zuschauer nur das, was der Kameramann aufgenommen hat.

Wer das Blair Witch Project oder auch den Monsterfilm Cloverfield kennt, weiß also, was einen erwartet: Ein teils sehr wackeliges Bild und einen Kameramann, der so gut wie nie mit anpackt, sondern lieber weiterfilmt und auch gerne mal komische Blickwinkel wählt. Dies führt aber trotzdem alles zu einer hohen Immersion, zumal [REC] die verschiedenen Stilmittel - schwarzes Bild, Tonstörungen usw. - sehr gekonnt einsetzt, auch wenn formal leider einige Einstellungen zu sehr an Blair Witch erinnern.

Während aber bei der Waldhexe tatsächlich nicht viel passierte und nur wenige Charaktere vorkamen, ist [REC] ein im Kern sehr klassischer Genrefilm nach dem Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip. Wie schrieb Jörg Stodolka in der Splatting Image, die auch im sehr guten Trailer (etwas unpassend) zitiert wird:
«Denn auch in [REC] gibt es eigentlich keine einzige Idee, die man nicht schon einmal irgendwo in einem anderen Horrorfilm gesehen hätte. Diese Standardsituationen werden jedoch derartig temporeich und en masse aneinandergereiht, daß dem Zuschauer kaum Zeit zum Atmen bleibt.»
Wobei der Film sich recht langsam und gekonnt entfaltet, während die Spannung beim Rezipienten steigt. Wenn dann die Hölle losbricht, platziert [REC] einige sehr gute Schockmomente und spaßige Szenen. Wie bei allen Filmen, die als authentische Dokumente daherkommen sollen, trübt die deutsche Synchronisation etwas das Vergnügen, inbesondere da in der allerersten Szene die Sprache und die Lippenbewegung der Protagonistin nicht zusammenpassen. Darüber sieht man aber alsbald hinweg - ein toller Film! [4/5]

PS: Das Hollywood-Remake Quarantine ist schon unterwegs :-(.

[REC]
E 2007 | IMDb | OFDb
Regie: Jaume Balagueró, Paco Plaza
Buch: Jaume Balagueró, Paco Plaza
Darsteller: Manuela Velasco, David Vert, Carlos Vicente, Ferran Terraza, Jorge Serrano u.a.

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